Keramiktypologie

 

Bestimmung und Datierung von Keramikfunden

Keramik ist das wichtigste Gut der Archäologen. Seit die Menschen im 6. Jahrtausend vor Christus zum ersten Mal Krüge, Schalen und Näpfe aus Ton gebrannt haben, zeugen deren Reste vom Leben ihrer Gesellschaften. Einmal gebrannt, können die Töpfe und Vasen zwar zerbrechen, doch die Scherben überleben die Jahrhunderte und Jahrtausende und liefern einen unschätzbaren Beitrag zur Kultur- und Technikgeschichte der Menschheit. Daher werden auch alle auf dem Tall Zira´a aufgefundenen Keramikscherben - und dies sind pro Grabungskampagne etwa 20.000 – registriert und in einer Datenbank gespeichert.

Während allgemeine Bauchscherben nur nach ihrer Herstellung und ihrer Tonqualität in grobdatierende Warengruppen eingeteilt werden können, bieten 25% der Keramikfunde viel weitergehende Möglichkeiten: Ränder, Henkel, Böden und bemalte Scherben (die sogenannten Diagnostika) lassen Rückschlüsse auf die Gefäße zu, deren Teil sie ursprünglich waren. Sie werden fotographiert und gezeichnet, nicht zuletzt um bestimmte Gefäßtypen, deren Abwandlungen und Weiterentwicklung zu ermitteln. So können wichtige Erkenntnisse zur Funktion und zum Gebrauchswert von Töpfen, vielleicht auch über ihre Benutzer gewonnen werden. Wir erfahren etwas darüber, wie die Menschen im Laufe der Zeiten die Herstellungstechnik ausgefeilt, die Tonzusammensetzung geändert und die Brenntechnik optimiert haben. Die Entwicklung neuer Formen wiederum lässt Rückschlüsse auf veränderte Anforderungen und Ansprüche an die Gefäße zu.

Schon eine einzelne Scherbe kann eine Menge über diese Zusammenhänge verraten. Die chemische Analyse des Tons und die Rekonstruktion der Brenntechnik sind dabei Sache der Archäometrie. Mit bloßem Auge lässt sich aber bereits erkennen, ob das Gefäß handaufgebaut oder auf der schnellen Töpferscheibe gefertigt wurde. Insbesondere Randstücke geben darüber Auskunft, zu welcher Art Gefäßen sie einmal gehörten und welche Ausmaße diese in etwa hatten. So kann man erschließen, was die Menschen in ihnen bevorratet oder gehandelt bzw. in ihnen zubereitet oder gemischt haben. Eine Fülle von Überresten großer Tonkrüge in einer Hausecke kann bedeuten, dass es sich hier einst um eine Art Vorratskammer gehandelt hat. Die Häufung von Kochtopfscherben in Kombination mit Ascheresten weist auf eine Kochstelle hin. Von unschätzbarem Wert für die Archäologen ist aber der Beitrag, den die Keramik zur Datierung leistet. Durch Vergleich mit entsprechenden Formen aus stratigraphierten Grabungen können viele Gefäße und Scherben relativ eindeutig einer bestimmten Epoche zugeordnet werden und sagen damit etwas über die Zeitstellung der Schicht, der sie entnommen wurden, aus. Wo es keine schriftlichen Quellen gibt, ist die Keramik oftmals der einzige Anhaltspunkt für eine Datierung der Fundstelle - allerdings im Sinne einer relativen Chronologie, da sich genaue Jahreszahlen nicht ermitteln lassen.

Tongefäße können auch Auskunft geben über (Handels-)Beziehungen, die die Bewohner zu anderen Orten oder gar ferneren Gegenden gepflegt haben. Auf dem Tall Zira´a sind zahlreiche Scherben gefunden worden, die aus Zypern und aus Mykene stammen. Es ist bekannt, dass in der späten Bronzezeit enge Handelsbeziehungen zwischen diesen beiden Kulturen und der Levante bestanden haben. Die spätbronzezeitliche Stadt des Tall Zira´a war also – in welchem Maße auch immer - in dieses Handelsnetz eingebunden.