Erfahrungsbericht

Wie ein Spagettieis im heißen Wadi

Mit dem Biblisch-Archäologischen Institut c/o Thomas Morus-Akademie Bensberg zu Ausgrabungen auf dem Tell Zera’a/Jordanien
Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln
Nr. 38, 2005, 23. September
von Helmut Pathe

Vielleicht ist die Archäologie eines der letzten Abenteuer in einer Zeit, in der fast alles machbar und berechenbar scheint. Denn auch wer dem Rat der erfahrenen Archäologen folgt „Grabt im Nordwesten“ muss nicht unbedingt die Funde machen, die er erhofft. Umso erfreuter ist sowohl der Fachmann als auch der „Freiwillige“, wenn er denn etwas findet. Helmut Pathe, Redakteur der Kirchenzeitung, begleitete eine Expedition des Biblisch-Archäologischen Institutes an der Universität Wuppertal zu Ausgrabungen nach Jordanien. Hier sein Bericht:

Der Tell Zera’a im Norden Jordaniens. (Fotos: Pathe)

Schon der Lebenslauf des Grabungsleiters wäre eine eigene Geschichte wert: Professor Dr. Dr. Dieter Vieweger, Jahrgang 1958, flog zu DDR-Zeiten vom Gymnasium, weil er nicht systemkonform dachte. Er wurde evangelischer Theologe auf Umwegen, die sich nur in DDR-Biografien finden. Er war Pfarrer des Thomanerchors in Leipzig. Nach der Wende studierte er zusätzlich Archäologie, promovierte auch in dieser Disziplin, war einer der wenigen Dozenten der theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin, der von der Bundesrepublik verbeamtet wurde. Ein Vortrag, den ich über seine Ausgrabung auf dem Tell Zera'a im Norden Jordaniens hörte, sprach mich an, ja er begeisterte mich geradezu und das Angebot, als Freiwilliger die Grabungen zu unterstützen, faszinierte mich.

Nach Jordanien zu fliegen, ist problemlos. Nach vier Stunden landet die Gruppe von Grabungshelfern, der ich mich in Frankfurt angeschlossen hatte, in Amman. Vergleichsweise kurz die Einreiseformalitäten, für fünf jordanische Denare, etwa fünf Euro, bekommt man vier Stempel in den Reisepass. Begrüßt und auf die Weiterreise in den Norden des Landes geschickt werden wir von Dr. Jutta Häser, die das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes in Amman leitet und die Mitleitung der Grabungen auf dem Tell Zera’a innehat.

Nach einer Fahrt durch die hereinbrechende Nacht, die die Schönheit des Landes nur erahnen lässt, erreichen wir das historische Gadara (Matth. 8,28 „Die Heilung der Besessenen von Gadara“), heute Umm Qais, mehr als ein Dorf, aber weniger als eine kleine Stadt.

Ein größerer Fund wird zuerst mit einer genauen Ortsangabe fotografiert, bevor er aus dem Square genommen wird.

Am Rande der römischen Ausgrabungen liegt das Beit Melkawi, ein Haus mit „morbidem Charme“, das von Viewegers Expedition als Grabungshaus genutzt wird. Imran und seine Frau Ferial bewirtschaften es, so dass vor dem Schlafengehen noch ein erster Eindruck — und kein schlechter — von der jordanischen Küche möglich ist.

Der erste Tag, an dem das ganze „Expeditions-Corps“ beisammen ist, dient dann nicht nur dem gegenseitigen Kennenlernen, sondern vor allem der Ortsbesichtigung.

Die Lage des Tell Zera’a im Wadi el-Arab machte ihn durch Jahrtausende zu einem strategisch wichtigen Punkt an einer Linie zwischen dem Jordantal und dem Irbid-Ramtha-Becken. Seit 2003 gräbt Professor Vieweger auf dem Tell (Tell bedeutet so viel wie Kulturschutthügel).

Von Umm Qais sind es knapp 30 Minuten zum Tell, eine abschüssige Schotter„straße“, denn der Grabungsort liegt 20 Meter unter dem Meeresspiegel.

Im letzten Jahr hatten Vieweger und seine Helfer, zu denen auch ein Architekt, ein Chemiker und ein Vermessungsingenieur gehören, die Grabungsstellen, Squares genannt, mit Planen abgedeckt. Sie müssen nun entfernt werden, bevor mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden kann. Also heißt es für alle die Ärmel aufkrempeln und vor allem Schubkarre für Schubkarre wucherndes Grünzeug und alte Planen aus den bis zu vier Meter tiefen Squares entfernen.

Den ersten Tag beschließt nicht nur ein wieder sehr schmackhaftes Abendessen aus der Küche von Ferial, sondern eine kleine Vorlesung zur Grabungstechnik. Als „Neuer“ geht mich jeder Satz an und ich versuche, mir möglichst viel zu merken. Am einfachsten ist dabei die Beschreibung des Tell Zera’a als Spagettieis. Epoche für Epoche lägen übereinander, so wie die Schichten bei dem beliebten Eis. Es gelte also nur, von oben an (Römerzeit) Schicht für Schicht abzutragen, erklärt Vieweger. Damit sollte dann am nächsten Tag begonnen werden. Was die „leckerste Lage“ sei, vermag allerdings auch der erfahrene Archäologe nicht zu sagen. Es blieb halt abenteuerlich.

Als kurz nach fünf Uhr der Wecker am nächsten Morgen klingelt, bin ich sofort hellwach, denn das, was mich nun als Hilfsarchäologen erwartet, lässt die frühe Morgenstunde vergessen. Der bald von Umm Qais herüberrufende Muezin tut ein Übriges. Um sechs Uhr frühstückt die Gruppe, um gegen sieben Uhr am Tell zu sein. Mitgekommen sind auch einige Jordanier, die als Hilfskräfte mitarbeiten und so für die Zeit der Grabungskampagne eine Arbeit haben.

Am Abend werden alle Funde des Tages im Grabungshaus in ein Datenbanksystem eingegeben.

Ab sofort sind jeden Morgen die einzelnen Squares „sauber“ auszubürsten, denn die Fotos, die anschließend geschossen werden, lassen sich nur verwerten, wenn es klare Kontraste gibt. Dazu liefert die satellitengestützte Höhenmessanlage dann exakte Angaben.

Nach dem Fototermin steige ich mit Professor Vieweger in ein Square, eine Maurerkelle als wichtigstes Werkzeug in der Hand. Denn zuerst wird die Erde damit vorsichtig in eine „Guffa“, eine Art Körbchen aus alten Autoreifen gefertigt, gehoben.

Es dauert nicht lange, da stoße ich auf meinen ersten Fund, einen kleinen Henkel, vermutlich von einem Krug, und sehr wahrscheinlich aus der Römerzeit. Auch die anderen Helfer machen immer wieder kleinere Funde. Für die wissenschaftliche Auswertung wird jedes Fundstück nummeriert, die Fundstelle festgehalten und fotografiert, eine erste Einschätzung vorgenommen.

Dabei kommen mir die Erläuterungen vom Vortag in den Sinn: biblische Archäologie habe nicht zum Ziel, den Stab des Mose zu finden, mit dem er das Tote Meer geteilt habe. Es gehe darum, Hintergrundinformationen über das Heilige Land, die Lebensgewohnheiten der Menschen zu erforschen. Professor Vieweger: „Die Biblische Archäologie ist eine ganz ‚normale‘ Wissenschaft, Teil der Vorderasiatischen Archäologie und ganz deren Methoden und Standards verpflichtet.“ Nicht spektakuläre Entdeckungen prägten den Alltag an einer Grabungsstelle, vielmehr der Wechsel zwischen der physisch anstrengenden Feldarbeit und exakter Dokumentation sowie die Interpretation der Funde auch im interdisziplinären Gespräch, so der Experte. Was Professor Vieweger in seinem Standardwerk „Archäologie der biblischen Welt“ zusammengefasst hat, habe ich auf dem Tell Zera’a erfahren.

Gegen neun Uhr am Vormittag macht sich das frühe Aufstehen und die ungewohnte körperliche Arbeit bemerkbar, die Frühstückspause gegen zehn Uhr wird herbeigesehnt. Die nun sehr warm strahlende Sonne tut ihr Übriges. Gefrühstückt wird notwendigerweise reichlich, ebenso natürlich getrunken. Für den Wasserbedarf ist jeder selbst zuständig, zwei Liter angereichert mit Mineralien helfen mir bis zum Ende der Arbeitszeit auf dem Tell gegen 14 Uhr. Eine Unterbrechung gibt es jeden Mittag, die Gebetspause für die jordanischen Arbeiter. Manche nutzen sie sehr intensiv, andere eher für eine Zigarette.

Mit jedem Tag schärft sich mein Blick als Hilfsarchäologe für die ausgegrabenen Zusammenhänge. Nebeneinander liegende Steine können als Mauern erkannt und unterschiedlichen Siedlungsepochen zugeordnet werden. Motiviert durch ständig neue Funde bis hin zu gut erhaltenen Gefäßen wächst auch mit jedem Tag das Interesse. Verbunden mit dem Gefühl, an einem Ort zu stehen, der über den (künstlichen King Abdullah Stausee) den Blick hin ins Jordantal und dem See Genezaret eröffnet.

Am Nachmittag gehöre ich jeden zweiten Tag zu der Gruppe, die die Funde des Vormittags zu säubern hat, bevor sie am Abend in die Datenbanken eingegeben werden. Archäologie heute kann ohne Computer auch nicht leben. Scherben, die für die wissenschaftliche Auswertung nicht benötigt werden, finden am nächsten Morgen ihren Weg zurück an den Tell, wo ein kleiner Scherbenhaufen ständig wächst.

Wochen nach meiner Rückkehr lese ich dann in einem ersten Zwischenbericht zu den Grabungsergebnissen der Kampagne: „Im spätbronzezeitlichen Stratum wurde ein Stadttor ausgegraben, das im Inneren einen steingepflasterten Fußboden besaß und dessen Dach von zwei Holzsäulen auf sorgfältig zugehauenen Steinpfeilern gestützt wurde.“

Vierzehn Tage lang im Heiligen Land, das mehr ist als der heutige Staat Israel, nach den Spuren der Menschen suchend, die dort vor und nach Christus gelebt haben, hinterlässt einen Eindruck mit einer Konsequenz: das Thema Biblische Archäologie hat mich gepackt, die Maurerkelle wird nicht weit weggelegt, denn im nächsten Jahr will ich auf dem Tell Zera’a weitergraben.
HELMUT PATHE