Einleitung

Wie stellt man sich einen ›Biblischen Archäologen‹ vor? – Mit der Hacke in der einen und der Bibel in der anderen Hand? Beseelt vom Gedanken, die geschichtliche Wahrheit der Heiligen Schrift zu beweisen, und stets auf der Jagd nach Schätzen aus biblischer Zeit?
Populär und unausrottbar ist diese Idee in ihrer filmischen Variante geworden – in der Gestalt von Indiana Jones. Er jagte als Archäologe hinter der verschollenen Bundeslade mit den Tafeln der göttlichen Gebote her, meisterte dabei schier unüberwindliche Probleme, bewältigte allüberall lauernde Gefahren und zog das Publikum in der mystisch verklärten Umgebung des Heiligen Landes in seinen Bann. Spannungsgeladene, kurzweilige Schatzsuche nach Jahrtausende alten heiligen Gerätschaften.

Phönikische Elfenbeinschnitzerei vermutlich eine weibliche Göttin - Zeichnung von Ernst Brückelmann

Phönikische Elfenbein-schnitzerei, vermutlich eine weibliche Göttin - Zeichnung von Ernst Brückelmann

Selbstverständlich ist das nicht das ›tägliche Brot‹ von Archäologen/-innen in Palästina – mitnichten, die Biblische Archäologie ist eine ganz ›normale‹ Wissenschaft, Teil der Vorderasiatischen Archäologie und ganz deren Methoden und Standards verpflichtet. Nicht spektakuläre Entdeckungen prägen das Leben der Archäologie, sondern vielmehr der reizvolle Wechsel zwischen der physisch anstrengenden Feldarbeit mit genauer Beobachtung und exakter Dokumentation sowie der reflektierten Interpretation von Befunden im Gespräch mit Vertretern/-innen unterschiedlichster Wissenschaftsdisziplinen.
Der faszinierende Gedanke, die Welt der Bibel in den Altertümern Palästinas zu entdecken, begeisterte schon Generationen von Gelehrten. Seit über 150 Jahren versuchen Forscher durch die systematische Erkundung der materiellen Funde im Heiligen Land dessen Geschichte zu rekonstruieren. Die Verknüpfung von exegetischer mit landeskundlicher und archäologischer Forschung ist wissenschaftliche Herausforderung und Problem der Biblischen Archäologie zugleich.

Die archäologische Arbeit im Heiligen Land erfordert daher eine doppelte wissenschaftliche Qualifikation, im Bereich der Archäologie und der Theologie. Nicht zuletzt deshalb waren es häufig Bibelwissenschaftler, die Ausgrabungen im Heiligen Land organisierten und durchführten.
Archäologie ist nach der griechischen Wortbedeutung die Lehre von den Anfangsgründen, vom Urbeginn. Der Drang, die Anfänge Palästinas zu ergründen und die ›Geschichte Palästinas zu schreiben‹, entstand im Abendland. Aus ersten Entdeckungen und Ausgrabungen in Europa erwuchs der Wunsch, den Orient und die Welt des Alten und Neuen Testaments zu erforschen. Im Gefolge der Ägyptologie und der vorderasiatischen Altertumskunde entwickelte sich so auch die Biblische Archäologie.

Der Titel dieses Buches »Archäologie der biblischen Welt« folgt dem Vorbild der großen Forschungsreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts, Carsten Niebuhr, Ulrich Jasper Seetzen und Johann Ludwig Burckhardt (Kap. 1.1.3). Eng vertraut mit der biblischen Tradition durchstreiften sie die ihnen offen stehende neue ›alte Welt‹, um sie im besten Sinne neuzeitlichen Forschergeistes universell zu ergründen. Die Theologie und die Archäologie Palästinas sind nicht zu trennen und auch nicht in Bereiche geringeren und größeren Interesses aufzuspalten. An der Theologie interessierte Leser/-innen werden bald bemerken, dass nicht etwa eine eingeengte, auf unmittelbare biblische Bezüge zentrierte, sondern nur eine unabhängige, kritische Archäologie Palästinas der wissenschaftlichen Theologie neue Impulse verleihen kann.

Exilierung israelitischer Gefangener (Lachisch Relief, Zeichnung von Ernst Brückelmann)

Das vorliegende Buch ist als fachwissenschaftliche, gleichwohl allgemein verständliche Einleitung in die Biblische Archäologie konzipiert. Es soll sowohl grundlegende Informationen vermitteln als auch das Interesse einer breiten Öffentlichkeit wecken. Es richtet sich an alle, die am Altertum Palästinas Interesse haben, besonders an Theologen/-innen, Archäologen/-innen, Studierende im Sinne des ›Studium generale‹ und an Grabungsvolontäre/-innen.

 

Aus dem Vorwort zur ersten Auflage

Die redaktionelle Struktur des Buches wurde durch C. Renfrew/P. Bahn, Archaeology, London, 3. Auflage 2000 (1. Auflage 1991), dem großen Übersichtswerk zur Archäologie, angeregt. Häufig gestellte Fragen bestimmen den Aufbau des Buches: Was hat die Archäologie mit der Bibel zu tun (Kapitel 1)? Was erforscht die Archäologie (Kapitel 2)? Wo spielte sich alles ab (Kapitel 3)? Was findet man (Kapitel 4)? Wie entdeckt man Spuren der Vergangenheit (Kapitel 5)? Wie gräbt man aus (Kapitel 6)? Wann geschah es (Kapitel 7)? In welcher Umwelt lebten die Menschen (Kapitel 8)? Mit der Frage »Wie könnte es gewesen sein?« (Kapitel 9) schließt die Darstellung. Anhand beispielhaft ausgewählter Ortslagen werden Einblicke in einige Zeitepochen Palästinas gegeben. Dabei wird nicht etwa auf die Beliebigkeit der archäologischen Ergebnisse, sondern auf die grundsätzliche Begrenztheit und die stets notwendige Interpretation des vorliegenden Quellenmaterials hingewiesen.

Im Anhang werden zur Erleichterung der Orientierung chronologische Tafeln (von 10000 v. Chr. bis 2000 n. Chr.) angefügt. Fachspezifische Fremdworte werden nur sparsam gebraucht und in einem Glossar erklärt. Das leidige Problem der Umschrift des Arabischen und des Hebräischen mit lateinischen Buchstaben wird im Text des Buches durch den Gebrauch der im Deutschen eingeführten Schreibweisen von Orts- und Personennamen so weit wie möglich zugunsten einer guten Lesbarkeit ausgeblendet (im Index wird zusätzlich die Transkription verzeichnet). Weniger gebräuchliche Namen werden um ihrer Eindeutigkeit willen auf der Basis des Umschriftsystems der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft transkribiert und in Kursive gesetzt. Dem »Wortschatz für Ausgrabungen in Palästina« liegen die gleichen Transkriptionsregeln zugrunde.